Land - Natur - Konsum

Die ökologische Wende in der Landwirtschaft und die Gestaltung des ländlichen Raums.

Gemeinsame Tagung der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie und der Sektionen Land- und Agrarsoziologie sowie Ökologie und Soziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie

2. bis 4. Mai 2002
Sommerhausen am Main

 
 
 
 

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Seit einiger Zeit taucht die moderne Landwirtschaft immer wieder in den Schlagzeilen auf: sie verursache BSE, belaste die Umwelt, quäle Tiere, räume die Landschaft aus, zerstöre ländliche Kultur, gefährde die Verbraucherinnen und Verbraucher. Und all dies mit ordentlichen Subventionen aus Brüssel und Berlin. Mit der Umbenennung des Landwirtschaftsministeriums und der Aufnahme der Perspektive des Verbraucherschutzes wurden diese Einschätzungen im Zuge ihrer Bearbeitung auch politisch anerkannt.

Aber stimmt dieses Bild? Was geschieht in der europäischen Landwirtschaft, in unseren ländlichen Räumen derzeit wirklich? Welche Prozesse sind im Gange, welche Leitbilder werden von wem propagiert, welche Konflikte werden ausgetragen, wer mischt mit - und wer interessiert sich dafür, nachdem die Schlaglichter der Medien wieder ausgegangen sind? Was wollen wir, will die Gesellschaft, die Verbraucherinnen und Verbraucher, die Wählerinnen und Wähler eigentlich genau von der Landwirtschaft, und was darf es kosten? Was wollen die Landwirte und Landwirtinnen, was ihre Verbände? Und können wir das alles, was wir da wollen, im Rahmen einer nach Osten erweiterten Europäischen Union überhaupt realisieren? Wie soll der ländliche Raum eines zukunftsfähigen Europa aussehen, und wie soll dort produziert und konsumiert werden?

Während wir noch über die Qualität unserer Nahrungsmittel und deren Produktion diskutieren, mischen sich bereits andere Stimmen und Bilder ein. Da ist von der wiedergewonnenen Natur die Rede, von der reparierten Landschaft, erneuerten Ortschaften, von Wellnesskonzepten und Altersruhesitzen. Ruhe und Beschaulichkeit jenseits der Hektik und des rastlosen Getriebes in den urbanen Zentren werden verheißen. Schon entstehen Ferienressorts, die die Vision vom heilen Leben auf dem Lande in den Kulissen ihrer Anlagen umsetzen, indem sie ganze Ländereien erwerben und mit rekonstruierten Bauernhöfen, wogenden Kornfeldern, weidenden Kühen und Pferden ausstatten. Was uns die Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts als Bilder einer anderen Welt verhießen, wird nun zum begehbaren Erlebnisraum. Auch in die Diskussionen um Naturschutz, Biodiversität und die Frage der Bewahrung unserer natürlichen Ressourcen mischen sich in vielfältiger Weise Vorstellungen darüber ein, wie diese Natur und der ländliche Raum auszusehen habe.

In und bei der Auseinandersetzung um  die gleichsam "handfesten" Fragen der Neuorientierung von Landwirtschaft, Landschaft sowie Nutzungs- und Konsummustern werden - bewusst oder unbewusst - Bilder, Konzepte, Visionen über den ländlichen Handlungs- und Ereignisraum wirksam, die den Gegenstandsbereich festlegen, begrenzen, bewerten und gestalten. Gesellschaftliche Akteure verschiedenster Provenienz - Wissenschaft, Planung, Politik, Verbände, NGOs, Investoren und die Medien - verwenden und entwerfen bestimmte Konzepte vom ländlichen Raum, wenn sie sich dort einmischen. Die Konzepte selbst haben unter Umständen eine lange und wechselhafte Vorgeschichte.

Die dringend anstehenden politisch-planerischen Entscheidungen zur Zukunft unserer Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion, des Naturschutzes sowie der Funktionen für Erholung und Tourismus machen auch mit Blick auf die anstehende Erweiterung der Europäischen Union eine Auseinandersetzung mit den Formen gesellschaftlicher Aneignung ländlicher Räume und landwirtschaftlicher Produktion unumgänglich.

Unsere Vermutung ist, dass Konflikte um unterschiedliche Nutzungsformen auch damit zu tun haben, dass die jeweils zugrundeliegenden Sichtweisen und Konzeptionen latent bleiben, häufig nicht offengelegt und kaum reflektiert werden. Die dadurch entstehenden Fehlinterpretationen und Missverständnisse verursachen Konflikte, die gleichermaßen Planung und Projektumsetzungen beeinflussen, indem sie die einen Konzepte blockieren und gar verhindern und andere befördern können.

Diese Entwicklungs- und Gestaltungsfragen im Spannungsfeld von Bildproduktion und Land(wirtschafts)produktion - zweifellos Schlüsselfragen mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit Europas insgesamt - sollen auf der gemeinsamen Tagung der drei Gesellschaften vom 2. bis 4. Mai 2002 in Sommerhausen erörtert werden. Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen - nicht nur aus dem Spektrum der Wissenschaften, sondern auch der Planung und Politik - werden auf der Basis von Forschungsprojekten und -ergebnissen , die Bezug zur Um- und Neugestaltung der Landwirtschaft, des ländlichen Raumes und des Naturschutzes haben, Stellung nehmen und dabei auch die diesen Projekten - vielleicht implizit/latent - zugrundeliegenden Bilder von Nahrungsmitteln, Ländlichkeit und Natur herausarbeiten. Ein Verdeutlichen dessen, was jeweils unter Landwirtschaft, Landschaft und ländlichem Raum oder Natur verstanden wird, soll dazu beitragen, dass die gemeinsamen Schnittflächen der je spezifischen Handlungsoptionen herausgearbeitet und erweitert werden. Nur in solchen Schnittflächen kann es auch zu einem gemeinsamen Handeln kommen. Unser Eindruck ist, dass Landwirtschaft und ländlicher Raum nicht zuletzt deshalb in die eingangs erwähnte Krise geraten konnten, weil aufgrund der Abschottungen von Expertendiskursen und Ressortpolitiken diese Schnittflächen ignoriert und das Ganze des ländlichen Raums und seiner funktionalen, ökologischen und ästhetischen Bezüge fragmentiert wurde.

Die Tagung Land - Natur - Konsum will einen Versuch machen, dieses Ganze ansatzweise und durch das Zusammenführen verschiedener disziplinärer Diskurse sichtbar zu machen. Dazu wird sie sich in drei Themenblöcken diesen Fragen widmen. Am Donnerstag werden im ersten Block Projekte vorgestellt, die sich explizit mit dem Thema Landwirtschaft, Nahrungsproduktion und Konsum auseinandersetzen. In seiner Abendvorlesung wird Prof. Wolfgang Schumacher als Leiter der Abteilung Geobotanik und Naturschutz der Universität Bonn den Spannungsbogen der Tagung beleuchten. Im zweiten Themenblock am Freitag Morgen widmet sich die Tagung der Landschaft als Feld der Produktion und des Konsums. Der dritte Themenblock am Freitag Nachmittag wird sich insbesondere auf Bilder verschiedener Akteursgruppen und die in ihnen implizierten Vorstellungen von Natur, Ländlichkeit und ländlichen Räumen beziehen. Der Samstag Morgen dient schließlich der gemeinsamen Diskussion und Reflektion der Ergebnisse und endet mit einer Podiumsdiskussion mit VertreterInnen aus Politik und Praxis ab, bei der es um die Frage der politischen Umsetzbarkeit und Gestaltbarkeit lebbarer Visionen des ländlichen Raums im Sinne des Nachhaltigkeitsziels gehen soll

Die Tagung findet in dem traditionsreichen Winzerdorf Sommerhausen am Main statt, dessen "natürliche Ressourcen" einen angenehmen Verlauf der Tagung verheißen.

Wolfgang Serbser
f
ür die Deutsche Gesellschaft für Humanökologie

Heide Inhetveen
für die Sektion Land- und Agrarsoziologie der DGS

Fritz Reusswig
für die Sektion Ökologie und Soziologie der DGS

März 2002
 
 
 
 
 

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 Diese Seite wurde zuletzt am 23.01.2003 aktualisiert.