Ethik und Umweltpolitik
Humanökologische Positionen und Perspektiven

11. bis 13. Mai 2006 in Sommerhausen am Main (bei Würzburg)
 

Kompletter Satz aller Zusammenfassungen in einem PDF (einschließlich zugesagte Beiträge zum Tagungsband, deren Autoren nicht an der Tagung teilnahmen konnten).

 

aktualisiertes Tagungsprogramm

Thesenpapier + Programm (Auszug aus GAIA 15/1 ) zum Download in PDF

Mitgliederversammlung Einladung/Agenda

Mitgliederversammlung Einladung/Agenda 
zum Download in PDF

Studiengruppen-Treffs -  Einladung/Agenda

 

Thema

Thema der Jahrestagung 2006 der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie (DGH) ist das Verhältnis der Humanökologie zu Umwelt und Ethik in Zeiten der Globalisierung. Ethik und Umweltpolitik – diese beiden Themen bezeichnen heute politische Defizite. Ethik hat bereits seit langem in lebensweltlichen Diskursen an Bedeutung verloren. Inzwischen scheinen sich die beruflichen Restethiken für das Wirtschafts- und Arbeitsleben im Sog der Globalisierung aufzulösen. Die Umweltpolitik wurde – trotz (oder wegen?) des inzwischen weithin akzeptierten Leitbildes nachhaltiger Entwicklung – nach dem hoffnungsvollen Beginn der 1970er und 1980er Jahre in Schwundstufen herabgesetzt. Auf der Jahrestagung der DGH 2004 verwies Bernhard Glaeser in seiner Eröffnungsrede auf eine frühere Feststellung der Weltbank: Die 1980er Jahre waren ein verlorenes Jahrzehnt für die Entwicklungspolitik, in besonderem Maße für den afrikanischen Kontinent. Dieses Scheitern kann heute auch für die globale Umweltpolitik gelten. Zwar waren die 1990er Jahre die Zeit der Rio-Konferenz, des Kyoto-Protokolls oder auch der Sevilla-Konferenz, seit der die Biosphärenreservate nicht nur mehr Naturschutzgebiete sondern Modellregionen nachhaltiger Entwicklung sein sollen. Trotzdem folgte kein neuer Aufbruch in der Umweltpolitik, im Gegenteil: Die nationalen Umweltpolitiken sprechen häufig eine ganz andere Sprache. Sie sprechen die ökonomische Sprache einer weiter ungehemmten und sogar intensivierten Ausbeutung von natürlichen und sozialen Ressourcen sowie einer vorbeugenden Sicherung zukünftiger Quellen durch die wichtigsten Industrie- und Militärmächte der Welt. So setzt sich etwa der Raubbau an den tropischen Regenwäldern ungehindert fort. Zudem wird die Förderung fossiler Brennstoffe weltweit auch in vulnerable Zonen (Alaska, offshore-Anlagen an Kontinentalschelfrändern) ausgedehnt und der Fischfang in immer größere Meerestiefen vorangetrieben. Die industrielle Produktion wandert ab in „Billiglohnländer – ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Konsequenzen im lokalen wie globalen Maßstab. Der Millennium Ecosystem Assessment Synthesis Report (World Resources Institute 2005) verdeutlicht die Brisanz der Entwicklung der letzten 20 Jahre. Selbst die Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen werden, selbst wenn sie bis zum Jahr 2015 erreicht sein sollten, nur wenig zur Entdramatisierung der globalen Situation beitragen.

Neoliberale Wirtschaftsprogramme haben sich seit den 1980er Jahren global ausgedehnt und vor allem die Finanzmärkte wurden dereguliert. Noam Chomsky (2004) hat die Auswirkungen auf den Punkt gebracht: „Wenn man freie Finanzströme hat, entsteht ein – wie es Ökonomen zuweilen nennen – virtuelles Parlament von Investoren und Gläubigern, die ein permanentes Referendum über die Regierungspolitik abhalten. Und wenn sie die Regierungspolitik nicht mögen, zerstören sie die Wirtschaft des Landes, mit Kapitalflucht und mit Attacken gegen die Währung.“ Dies hat besondere Folgen für die Spielräume der Umweltpolitik und insbesondere für die aufgrund der Deregulierungsdoktrin privatisierten ehemaligen Gemeingüter und -dienstleistungen. Längst haben viele Beispiele aus dem Bereich der Infrastrukturleistungen – wie etwa Wasser, Energie oder Transportsysteme – deutlich gemacht, dass sich die behauptete höhere Effizienz privatisierter Betriebe nicht belegen lässt. Wozu aber Privatisierung vor allem führt, ist die Einschränkung der Kontrolle durch die Öffentlichkeit und damit der demokratischen Kultur. Für Chomsky ist die neoliberale Doktrin ein Angriff auf die Demokratie und mithin auch auf jede Umweltpolitik im erweiterten Sinne, die sich einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen und sozialen Ressourcen zum Ziel gesetzt hat. „Wenn man etwas privatisiert, ist es in der Hand totalitärer Kommandowirtschaften, die der Öffentlichkeit gegenüber nicht rechenschaftspflichtig sind. Auch beim Dienstleistungsabkommen GATS (General Agreement on Trade in Services) ist es das Hauptziel, die Demokratie nahezu vollständig abzuschaffen. Dienstleistungen bedeutet alles, womit Menschen zu tun haben: Unter anderem Gesundheit, Bildung und Wasser werden in die Hände nicht rechenschaftspflichtiger privater Tyranneien gegeben. Was soll die Regierung dann noch tun? Was ist dann noch der Sinn, eine Regierung zu haben?“ (Chomsky 2004).

Richard Sennett (2005) setzt die Argumentation fort: „Vor allem die Fragmentierung der Großinstitutionen bedeutet für viele Menschen eine Fragmentierung ihres Lebens. Ihr Arbeitsplatz ähnelt eher einem Bahnhof als einem Dorf. Die neuen Anforderungen an ihre Arbeit haben eine Desorientierung des Familienlebens mit sich gebracht. Auch hat die Zerschlagung der Institutionen nicht zu mehr Gemeinschaft geführt. Im Übrigen sind die neuen Institutionen weder kleiner noch demokratischer; stattdessen kam es zu einer neuen Zentralisierung der Macht.“ Der Preis einer solchen Erosion des alten sozialen Kapitalismus ist zunehmende soziale Instabilität, zu der sich Ungleichheit gesellt. „Sie ist die Achillesferse der modernen Ökonomie und erscheint in vielen Formen: als gewaltige Erhöhung der Bezüge für Topmanager; als Verbreiterung der Einkommensunterschiede zwischen den Beschäftigten auf höheren und denen auf niedrigen betrieblichen Ebenen; als Stagnation der Einkommen der mittleren Schichten im Verhältnis zur Elite. Das Muster the winner takes it all erzeugt extreme materielle Ungleichheit. Und der wachsenden materiellen Ungleichheit entspricht wiederum eine wachsende soziale Ungleichheit“ (Sennett 2005). In der Zeitschrift Democracy and Nature sind solche Probleme bereits vor Jahren Thema eines fortlaufenden kritischen Dialogs über inclusive democracy geworden. „The growth economy has already created a growth society, the main characteristics of which are consumerism, privacy, alienation and the subsequent disintegration of social ties. The growth society, in turn, inexorably leads toward a non-society, that is, the substitution of atomised families and individuals for society, a crucial step to the completion of barbarism“ (Democracy and Nature 2001).

Mit den diagnostizierten Veränderungen verschwinden nicht nur Arbeits- und Lebensweisen, die eine vergleichsweise lange Phase sozialer Stabilität ermöglichten, sondern auch deren – meist sehr viel ältere – ethische Fundamente. Zwar gibt es vermutlich seit langem keine Ethik mehr, die ganze Gesellschaften und Kulturen bis ins Alltagshandeln hinein durchdringt. Stattdessen existiert eine intellektuelle Konkurrenz neuer Umwelt- und Naturethiken, die sich mehr in interdisziplinären Zeitschriftendebatten (etwa in Environmental Ethics) erschöpfen, als das umweltpolitische und praktische Handeln anzuleiten. Die gewaltigen Veränderungen, die mit der Globalisierung, der Informationsgesellschaft und der wirtschaftlichen Nutzung und Kommerzialisierung der Forschung einhergehen, lösen jedoch großen ethischen Reflexionsbedarf aus. Ethisch unbewältigt sind etwa internationale Fragen der Patentierung von Nutzungsrechten an lebenden Naturressourcen wie Säugetieren, Saatgut oder Heilpflanzen. Dieser Reflexionsbedarf entsteht nicht nur wegen akuter Umweltfragen und aus dem Kampf um Zugang zu Naturressourcen. Er entsteht auch immer mehr wegen den mit dem Versagen der Umweltpolitik Hand in Hand gehenden Veränderungen des Wirtschaftslebens. Diese Veränderungen werden sichtbar an Auseinandersetzungen wie dem Streit um die Millionenabfindungen im Fall Mannesmann und Vodafone. An diesem Fall wird deutlich, dass die juristischen Instanzen in solchen Fragen oft versagen. So kommt das erstinstanzliche Urteil zum Fazit, das Handeln des Managements sei zwar unmoralisch, aber eben nicht durch das Gesetz unter Strafe gestellt. Zudem könne das Management nicht von der Justiz, sondern allenfalls durch die Anteilseigner kontrolliert werden. Es liegt nahe, dass solche entregelten Systeme wenig mit traditionellem Kapitalismus zu tun haben, sondern eher einem System von unternehmerischen Merkantilismus gleichen. Als kommandowirtschaftlich organisierte Systeme sind diese Unternehmen „riesig, untereinander und mit mächtigen Staaten verbunden. Verbindungen, die dazu da sind, Wettbewerb zu vermeiden“ (Chomsky 2004).

Andererseits stimmt es optimistisch, daß im letzten Jahrzehnt die Diskussion um Politik und Ethik – verbunden mit einer Kritik an der neoliberalen und globalisierten Wirtschaft – zugenommen hat. Kampagnen für mehr Gerechtigkeit im Welthandel von Organisationen wie Germanwatch, Fair Trade oder der Kampagne für saubere Kleidung sind Beispiele unter vielen. Dass hier ein unmittelbarer Zusammenhang zur Umweltpolitik besteht, zeigte auch die DGH-Tagung Armutsbekämpfung durch Umweltpolitik im April 2005 in Loccum. Und auch auf früheren Tagungen der DGH waren sowohl Fragen der Umweltpolitik als auch der Ethik immer wieder Thema, aber eben eines unter anderen. Es scheint an der Zeit, den humanökologischen Diskurs schärfer sowohl auf die Fragen der Umweltpolitik als auch auf die sie berührenden ethischen Fragen einzustellen – neben umweltethischen Fragen auch solche, die das veränderte Arbeitsleben, die Wirtschaft, die sozialen Beziehungen und Lebensweisen sowie die Nutzung von Wissenschaft und Forschung betreffen. Dies im Rahmen überschaubarer Themenkreise zu tun, ist Ziel der DGH-Jahrestagung 2006.

Die Tagung soll Themenfelder und Disziplinen zusammenbringen. Die interdisziplinären Themenfelder, in denen humanökologische Projektarbeit seit vielen Jahren geleistet wird, haben neue Fragen generiert, die weiterer Diskussion bedürfen:

  • zur ethischen Durchdringung der Umwelt- und Entwicklungspolitik (unter Einschluss des Landnutzungs- und Biodiversitätsmanagements),

  • zu ethischen Fragen von Wirtschaft und Arbeit, die mit der Umweltpolitik direkt in Beziehung stehen,

  • zur Handhabung wissenschaftlichen Wissens in umwelt- und praxisbezogenen Wissensfeldern, sowie

  • zur nachhaltigen Entwicklung von ruralen und urbanen Kulturlandschaften.

Aus den am humanökologischen Diskurs beteiligten Disziplinen – der Ökologie und Biologie, der Medizin und Psychologie, der Geographie und Soziologie, der Politik- und Planungswissenschaft oder der Pädagogik und Philosophie – sowie aus den sozialen und politischen Bewegungen heraus ergeben sich zu diesen Themen vielfältige Anregungen, die eher im interdisziplinären Diskurs als in der laufenden Forschung ertragreich eingebracht werden können.
Als Auftakt wird neben der Einführung ein Grundsatzvortrag über „Ethik und Umweltpolitik“ geboten. Für die folgenden Vorträge aus verschiedenen Themenfeldern humanökologischer Projektarbeit – Ethik und Umwelt, Forschung und Umweltpolitik, Umwelt- und Entwicklungspolitik, Entwicklung von Kulturlandschaften – und einzelnen Disziplinen sind folgende Leitfragen vorgesehen:

  • Welche neuen ethischen Regeln und Systeme können das Handeln der Akteure in den internationalisierten Feldern der Umwelt- und Entwicklungspolitik verbindlich anleiten?

  • Wie lassen sich die Konflikte zwischen der Raubbau-Wirtschaft und der Bewahrung der natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen im Sinne des Nachhaltigkeitsprinzips lösen?

  • Welche Zukunft braucht die Arbeit?

  • Welche Wissens- und Wissenschaftsformen braucht eine erneuerte Umweltpolitik?

  • Welche neuen Institutionen der Steuerung braucht die internationalisierte Umweltpolitik?

  • Welche Naturregime können zur langfristigen Bewahrung von Natur, Kulturlandschaften und biologischer Vielfalt beitragen?

Den Abschluss der Veranstaltung bildet eine Podiumsdiskussion zum Thema „Humanökologie – Ethik und Umwelt“ mit dem Ziel, die verschiedenen Positionsbestimmungen in eine gemeinsame Perspektive der Humanökologie zu überführen.

Literatur

Chomsky, N. (2004). „Ich bin nicht pessimistisch. Die Tageszeitung (taz), 15.03.2004: 5.

Democracy and Nature (2001). „Our Aims. Democracy and Nature, 7 (1): 6.

Sennett, R. (2005). „Die Angst, überflüssig zu sein. Die Zeit, 19.05.2005: 50.

World Resources Institute (Hrsg.) (2005). Millennium Ecosystem Assessment Synthesis Report. Washington, DC: Island Press.

Organisation

Dr. Karl Bruckmeier Dr. Wolfgang Serbser
karl.bruckmeier@he.gu.se wolfgang.serbser@alumni.tu-berlin.de

Kosten

Die Tagungsgebühr beträgt für Nicht-DGH-Mitglieder 80 Euro. Die Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung sind von  den Teilnehmenden zu tragen. Bitte überweisen Sie die Tagungsgebühr auf das Konto 657 161 600 der Berliner Commerzbank (BLZ: 100 400 00; IBAN: DE66 1004 0000 0657 1616 00; BIC: COBADEFXXX).

Anmeldung bis 7. April 2006!

Das Anmeldeformular ist jetzt als PDF zum Download vorhanden. Das Formular bitte ausfüllen und die Anmeldung an einer der folgenden Personen bis 07.04.2006 zuschicken:

Prof. Dr. Bernhard Glaeser
c/o Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Forschungsgruppe IKZM
Reichpietschufer 50
10785 Berlin

Tel.: +49/30/25491-286
Fax: +49/30/25491-264 oder -684
E-mail: bglaeser@wz-berlin.de

Dr. Wolfgang Serbser
Leonhardtstraße 5
14057 Berlin

Tel.: +49/30/327-01800
Fax: +49/30/25491-264
E-Mail:
wolfgang.serbser@alumni.tu-berlin.de

 

Weitere Infos (Kontakt DGH)

Dr. Angela Franz-Balsen
c/o Institut für Umweltkommunikation (INFU)
Universität Lüneburg
21332 Lüneburg
Tel.: +49/4131/677 29 42
Fax: +49/4131/677 28 19
E-Mail: franz-balsen@uni-lueneburg.de

 

 

 

 

Tagungsprogramm

Mitgliederversammlung

Studiengruppen-Treffs

 Diese Seite wurde zuletzt am 26.04.2006 aktualisiert.